Freunde und Förderer der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg - Bundesverband

Altare portatile – der transportable Altar


In Heft 79 von notiert, S. 34, druckten wir eine kirchenrechtliche Besonderheit zum „Transportablen Altar“ in Pfadfinderzeltlagern ab.

Unser Mitglied Georg (Girgl) Bauerschmitt aus Sulzbach-Rosenberg, eingefleischter Lateiner, hat dazu einen Leserbrief geschrieben, siehe dazu Heft 80, S. 42, und alles in einen prima Zusammenhang gestellt. Gleichzeitig lieferte Girgl eine Übersetzung des lateinischen Erlasses aus dem Vatikan, den wir allerdings aus Platzgründen nicht in die Zeitschrift einstellen konnten. Aber jetzt hier im Netz, kann jede und jeder den Text nachlesen.

Viel Freude, AM

 

 

Übersetzung

 

Der „Generalkaplan“ der Vereinigung genannt (v.d.) „Deutsche Pfadfinderschaft St. Georg“ der Erzdiözese Köln bittet, zu Füßen Eurer Heiligkeit (S.V.) hingestreckt, bittet:

 

1.           Um die Sondererlaubnis des transportablen Altars für Priester, die junge Leute auf Ausflügen und in Lagern begleiten, immer, wenn es keine Kirchen oder Gebetsstätten gibt oder sie weit entfernt sind.

2.           Um die Sondererlaubnis, sakramentale Beichten der jungen Leute der vorgenannten Vereinigung überall abzunehmen, wohin er sie begleitet.

3.           Er bittet darüber hinaus, dass katholische junge Leute aus anderen Vereinigungen, die eben oben erwähnte Lager abhalten, zugelassen werden können, die Messe zu hören und auch andere Sakramente zu empfangen.

 

Am 24. November 1956 gestattet die Heilige Kongregation für die Ordnung der Sakramente kraft der speziellen Möglichkeiten, die ihr von unserem heiligsten Herrn Papstes Pius XII. (Ss.mo D.no …. Papa) übertragen wurden, dem Ortsbischof (ordinario) von Köln gnädig, dass er dem Bittsteller gemäß seiner Bitten die Gnade erweise, den Priestern, wohlgemerkt von denen oben die Rede ist, die Benutzung eines transportablen Altars erlaube, aber nur in Fällen der echten Notwendigkeit, wobei freilich immer, wenn die Messe unter freiem Himmel gelesen wird, ein „Zelt“ (tentorio) verwendet werden muss, mit dem der Altar vor Winden geschützt wird, damit keine Partikel vernichtet werden, und dass er denselben (Priestern) auch gestatte, dass sie sakramentale Beichten der Gläubigen, von denen in der Bitte die Rede ist, abnehmen, wenn sie nur von ihren eigenen Ortsbischöfen approbiert sind, zusammen mit den erbetenen Erweiterungen, jedoch mit der Einschränkung, dass es sehr beschwerlich sein muss die nächste Kirche aufzusuchen, und dass alles andere eingehalten wird, was kirchenrechtlich einzuhalten ist.

 

(Die drei letzten Zeilen scheinen formelhafte Briefschlüsse zu sein, deren Wörter ich zwar verstehe, aber deren Gesamtsinn mir nicht klar ist. Mit vatikanischen Texten dieser Art hatte ich noch nicht zu tun.)

 

Da / wenn nichts widriges entgegensteht, (gilt das?) für wen auch immer.

 

Nachdem (?) die Ortsbischöfe vermahnt sind, kann es unbedenklich (? – wörtlich: wenn es geschieht) geschehen, wobei (?) die vorliegenden Erlaubnisse (? – praesentibus) für einen Zeitraum von drei Jahren gelten sollen.

 

Erklärung

 

„Feldmessen“ dürften nach dem einschlägigen Artikel im Lexikon für Theologie und Kirche im Zusammenhang mit Kriegen aufgekommen sein, wenn den Feldgeistlichen kein oder zu wenig Gottesdienstraum zur Verfügung stand. Mit der organisierten Militärseelsorge ab dem 19. Jahrhundert dürften auch die „transportablen Altäre“ aufgekommen sein. (Das Wort „portatilis“ scheint eine kirchenlateinische Neubildung zu sein; man findet es nicht in den klassischen Lexika.) Der Canon 822 § 4 des seit 1917 geltenden römischen Kirchenrechtsbuchs (CIC) gab dem Ortsbischof die Möglichkeit, eine Messfeier „außerhalb einer Kirche oder Gebetsstätte (extra ecclesiam et oratorium) zu erlauben, allerdings an einem „geziemenden Ort“; ausdrücklich wird verboten das in einem „Schlafzimmer“ zu tun (in cubiculo; es wird wohl auch ein Gemeinschaftsschlafsaal o.ä. damit zu verstehen sein). Es müsse aber zwingend ein „gerechter und mit dem Verstand nachvollziehbarer Grund“ vorliegen (iusta tantum ac rationabili de causa). In den zwanziger Jahren hat die Sakramentenkongregation dazu zwei Erklärungen herausgegeben.

 

Zunächst überraschend scheint der Ausdruck „Capellanus Generalis – Generalkaplan“ – für den damaligen „Landeskuraten“. Das ergibt sich daraus, dass das lateinische Kirchenrecht den Begriff „Kurat“ nicht kennt. Für einen Priester, der in Vereinigungen von Laien im Vorstand sitzt, benutzt es den Begriff „capellanus“. Er muss vom zuständigen Bischof bestätigt („approbiert“) sein (can. 698). (Das Wort „Kurat“ ist vor der lateinischen Grammatik eigentlich Unsinn – ein „curatus“ ist einer, „um den man sich kümmert“ bzw. der „mit Sorgfalt gepflegt“, auch „wohlbeleibt“, ist. Richtig wäre „curator“, aber dieser Begriff wird für einen Anwalt in kirchlichen Prozessen verwendet. Er handelt dort z.B. für Geisteskranke und Geistesschwache.) Das „zu Füßen … hingestreckt“ war eine pflichtschuldige Formalie bei Bitten an den Heiligen Vater.

 

 Dieses „Sonderrecht der Pfadfinderkuraten“ auf Lagermessen ist nicht, wie gerne (auch in notiert 79, S.34) geglaubt wird, ein Freibrief. Das vatikanische Schreiben ist eher als restriktiv anzusehen; wer würde von einer dortigen Behörde auch anderes erwarten? Es wird folgendes verordnet:

 

·              Es muss eine „echte Notwendigkeit“ vorliegen, konkret das Fehlen einer Kirche in zumutbarer Nähe.

·              Die Regelungen sind auf amtlich bestellte Jugendseelsorger, z.B. Kuraten der DPSG, beschränkt.

·              Der Altar muss vor Wind durch ein „tentorium“ geschützt werden. Das muss kein komplettes Zelt sein, aufgespannte Planen dürften reichen („tentorium“ heißt wörtlich: „etwas gespanntes“). Über die Sicherheitsmaßnahmen bei der Messe unter freiem Himmel gab es 1929 eine Instruktion der Sakramentenkongregation.
Grund für diese Vorschrift ist die „Partikelfurcht“. Als sich im Hochmittelalter die Lehre von der Transsubstantiation verbreitete, nach der sich bei der Wandlung der „Wesenskern“ (die Substanz) von Brot und Wein verändere, nicht aber deren Äußeres, kam die Frage auf, ob denn dann beim Brotbrechen nur noch Teile von Christus in den Fragmenten seien. Thomas vom Aquin verneinte das: Das Brechen gehöre zu den Äußerlichkeiten, die die Substanz nicht berühren, sprich: In jedem Bruckstück ist Christus ganz gegenwärtig. Draus zog man den Schluss, es müsse höchste Vorsicht walten, damit man ja kein Sakrileg begehe, wenn auch nur der kleinste Teil einer Hostie verloren ginge. (Das war der äußere Grund für die Mundkommunion. Deshalb mussten die Ministranten den Kommunikanten einen flachen Teller unterhalten.) Wind bei einer Feldmesse wurde offenbar als ein besonderes Problem angesehen, denn die damaligen leichten weißen Hostien konnten sehr schnell davongeblasen werden.

 

Konkret wurde das immer schon recht großzügig ausgelegt. Die „zumutbare Nähe einer Kirche“ hat man meist als eine Art Gummiparagraphen begriffen. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir jemals etwas gegen den Wind unternommen haben. Und vor allem: Der Himmel ist hoch, Rom ist weit, und der Diözesanbischof nicht allgegenwärtig. Gott schließlich sieht zwar alles, aber er verrät einen nicht.

 

Weniger bekannt ist, dass den Kuraten auch das Recht, im Lager Beichte zu hören, gegeben wurde; praktiziert wurde das eher selten. Ich kann mich nur an einen Fall erinnern. 1962 feierte unser Nachbarstamm in Amberg das 30-jährige Jubiläum mit einem großen Pfingstlager am Rande der Stadt. Es waren auch Exilpfadfinder aus dem naheliegenden Internat des Ungarischen Gymnasiums dabei samt ihrem Kuraten, einem Pater Galambos. Er war mit einem alten VW-Bulli angereist und funktionierte ihn einfach zum Beichtstuhl um: Er hinter dem Steuer, wir Büßer saßen auf der Bank neben ihm. Die, die dabei waren, erinnern sich noch heute daran. Die Festmesse fand übrigens in der nicht allzu weit entfernten Pfarrkirche St. Georg statt, mit großem Kirchenzug vom Lagerplatz und zurück, unter Vorantritt des Amberger DPSG-Spielmannszugs.

 

Der Punkt 3 des Antrags (die „erbetenen Erweiterungen“) scheint mir so gemeint zu sein, dass auch jugendliche Nichtpfadfinder an solchen Messen bzw. Beichtgelegenheiten teilnehmen dürfen. Rom wollte offenbar nicht, dass sich die Ausnahmeregelung allzu sehr ausbreite.

 

Der letzte Abschnitt beinhaltet eine Befristung, was bei päpstlichen Gnadenerweisen üblich ist. Die hier getroffenen Regelungen sind für drei Jahre gültig (valituris ad triennium). Man hätte um Verlängerung nachsuchen müssen, ob das geschehen ist, bezweifle ich bis zum Beweis des Gegenteils.

 

Um auf notiert 79, S. 34 zurückzukommen. Der H. H. Pfarrer von Drensteinfurt war somit formal im Kirchen-Recht. Aber was formal richtig ist, ist pastoral noch lange nicht falsch.

 

 

G. AGRICOLA FABER

alias Georg Bauerschmitt

 
 
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