Freunde und Förderer der DPSG e.V. - Bundesverband

 

Jahrestreffen 2005

Pfadfinder: Wir sind Kirche.

 

 

 

Herbsteiner Erklärung

 

Beschlossen von der Mitgliederversammlung des

Freunde und Förderer der DPSG e.V. – Bundesverband –

am 29. Mai 2005 im Kolping-Feriendorf Herbstein/Vogelsberg

 

Die katholische Pfadfinderbewegung in Deutschland begreift sich seit ihrer Gründung als Verband in der katholischen Kirche. Dies bedeutet, dass in der im Jahre 1929 gegründeten Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG) die Prinzipien der weltweiten Pfadfinderbewegung im Lichte der christlichen Botschaft ausgedeutet und erlebbar gemacht werden. Die Vermittlung der Glaubensinhalte an Kinder, Jugendli­che und junge Erwachsene und die Mitgestaltung des kirchlichen Lebens durch Pfadfinderinnen und Pfadfinder grei­fen daher untrennbar ineinander.

Die „Freunde und Förderer der DPSG“ verstehen sich als Erwachsene, die den Weg des Jugendverbandes DPSG gegangen sind und für die die auf diesem Weg gewon­nen Erfahrungen auf ihrem weiteren Lebensweg tragend geworden sind. Schon der Gründer der Pfadfinderbewegung, Robert Baden Powell, verstand „scouting for boys“ als eine Befähigung junger Menschen, auch als Erwachsene Pfadfinder zu sein.

 

Wer mit aufrechtem Gang in diesen Prozess gehen will, benötigt eine gewisse Grundausstattung. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Jahrestreffen 2005 der Freunde und Förderer der DPSG e.V. – Bundesverband – haben in Herbstein / Vo­gelsberg an einem Leitbild gearbeitet, das als orientierender Beitrag für eine zeit­gemäße Jugendpastoral dienen kann. Dieses Leitbild stützt sich auf die Überzeu­gung, dass sich die Kirche von alters her und bestätigt durch die Beratungen des II. Vatikanischen Konzils und der Synode der Deutschen Bistümer in Würzburg als eine Gemeinschaft versteht, deren Merkmale Liturgie, Verkündigung, Diakonie und Le­bendige Gemeinschaft sind. Diesen Grundvollzügen fühlen sich die Freunde und Förderer der DPSG verpflichtet und sie versuchen, sie in ihren jeweiligen Bezü­gen zu verwirklichen.

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·        Liturgie
In der Liturgie feiern wir die Gegenwart Gottes in Wort und Sakrament als Zu­wendung und Heilstiftung. Wir wollen eine Kirche erleben, die etwas vom Durst nach größerer Gerechtigkeit, von Sehn­sucht auf den neuen Himmel und eine neue Erde und von „com-passion“ (Mitleiden) mit den Benachteiligten und Ver­elendeten hier und anderswo in ihren Grundvollzügen erfahrbar macht. Wir möchten eine Kirche erfahren, in der wir selbst vorkommen, in der wir uns mit Texten, Gesang, unseren Erfahrungen des Glaubens und uns als Person einbrin­gen können, eine Kirche, in der das Wort Gottes im Gespräch untereinander aus­gelegt wird. Menschen aller Altersgruppen, Berufe und Lebenssituationen sind gleichermaßen willkommen und können sich an der Gestaltung der Liturgie betei­ligen. Die dabei entstehende Vielfalt der litur­gischen Praxis schätzen wir als gro­ßen Reichtum. Die weltweite partnerschaftli­che Dimension von Kirche und das befruchtende Erleben der Ökumene müssen dort ihren Platz haben.

 

·        Verkündigung
Grundlage der Verkündigung ist unser Glaube an die unbedingte Heilzusage Gottes, der uns in Jesus von Nazareth als Mensch begegnet ist und durch den heiligen Geist, durch den er spricht und befreit, in unserer Mitte gegenwärtig bleibt. So können wir uns darauf einlassen, dass Gottes Reich in der Kraft des Geistes durch eine christliche Lebenspraxis beginnen kann, weil es in Jesus Christus begonnen hat. Unabhängig von Religion, Amt oder Geschlecht sind alle Menschen Kin­der Gottes. An der christlichen Verkündigung sind in den gegebe­nen Möglichkeiten Geistliche und Laien gleichermaßen beteiligt. Dabei wollen wir die Verkündigung bewusst in unsere heutige Situation hinein nehmen, und sie uns z.B. im Bibel- oder Glaubens­gespräch selbst zu eigen machen. Gerade Pfad­finderinnen und Pfadfinder wollen ein glaubwürdiges Leben führen. Die Versiche­rung über ein solches Leben aus dem Glauben heraus ist uns Verkündigung der frohen Botschaft vom Reich Got­tes, zu dessen Verwirklichung die gesamte Ge­meinde gehört. Jesus Christus ist für uns beispielgebend, weil er alle Menschen an den Tisch des Herrn eingela­den hat: Nichtjuden, Sünder, Ausgestoßene und Diskriminierte.

 

·        Diakonie
Christlicher Glaube konkretisiert sich auch in der Sorge um andere Menschen, grund­sätzlich und insbesondere in Not und in schwierigen Lebensumständen. Als Teil der universalen Kirche und der Weltpfadfinderbewegung ist uns auch die Sorge um die Menschen in den Ländern der so genannten Dritten Welt ein Anlie­gen. Das Kennenlernen der Bedürfnisse der anderen ist eine Vorbedingung für das wirksame Gestalten die Diakonie. Zuhören, Erkunden und Erforschen sind wich­tige Elemente pfadfinderischer Pädagogik, sie gilt es zu üben, um sich sensi­bel und aufmerksam den Problemen anderer zuwenden zu können. Dabei dürfen wir unser Selbstverständnis als Pfadfinderinnen und Pfadfinder nicht als ge­schlossenes System verstehen und ab­schotten. Die Sprache der Vermittlung muss so gestaltet sein, dass unser Ge­genüber am Dialog teilnehmen kann. Teil­nahme an der Diakonie erscheint uns als selbstverständliche Konsequenz aus der Annahme der Verkündigung heraus.

 

·        Gemeinschaft
Lebendige Glaubensgemeinschaft entsteht dort, wo Nähe erfahren wird, wo Glaube und Leben nicht auseinander fallen, wo Konflikte nicht übersehen, son­dern bearbeitet werden können. Dies kann in Gruppierungen mit gemeinsamer Zielset­zung wie z.B. in der Friedensarbeit, aber auch in Gemeinden und größeren zusammenhän­genden Partnerschaften mit Christen anderer Länder geschehen. Einen besonde­ren Stellenwert nehmen dabei die Orte spirituellen Erlebens ein, die pfadfinderische Jugendarbeit auf lokaler, regionaler oder nationaler Ebene anbietet. Gemeinsame Erfahrungen in den Veranstaltungen, Kursen, Lagern und Fahrten der Pfadfinderbewegung können und müssen lebendige Gemeinschaft ermöglichen, die ein tragfähiges Fundament für das ganze Leben bilden kann. Pfadfinderinnen und Pfadfinder müssen wissen, dass sie in ihrer Gruppe Ge­meinschaft erfahren können. Aber auch in den lokalen Vollzügen der Pfarrge­meinden ist es wichtig, ein Gefühl von Ge­meinschaft zu vermitteln, in dem sich der Einzelne angenommen und beheimatet fühlt. Treffen nach dem Gottes­dienst, Begrüßung der neu Zugezogenen, Aktivi­täten des Pfarrgemeinderates, offene Angebote für Interessierte, ökumenische Treffen, sind nur einige Beispiele für schnell umsetzbare Maßnahmen. Erst das gemeinschaftliche Leben aller verdient wirklich den Namen „Kirche“.

 

Die Erfahrung dieser Grundvollzüge ermöglicht es uns, dass wir uns selbst prüfen und auswählen können, wo wir in unserer Kirche mitwirken wollen, sei es mehr ge­bend oder mehr empfangend. Dabei wird es nötig sein, die traditionelle patriarcha­lische Rollenverteilung in unserer Kirche aufzubrechen. Wir möchten eine partner­schaftliche, menschliche und damit im eigentlichen Sinne christliche Kirche, in der Ämter und Funktionen beiden Geschlechtern offen stehen. Es ist nicht allein die Auf­gabe von Frauen, für diese Veränderung einzutreten. Vielmehr noch sind die Männer gefordert, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Frauen ihre Erwartungen, Vorstellun­gen, Gefühle und Perspektiven einbringen können, damit die Umgestaltung der Frauenrolle in der Kirche gelingen kann.

Pfadfinderische Jugendarbeit als Zusammenschluss von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen kann dabei ei­nerseits Einübungsfelder für veränderndes Verhalten an­bieten und andererseits durch eine engagierte Kirchenpolitik im Dialog mit der Kir­chenleitung auf notwendige Veränderungen drängen. Wie das gesamte Volk Gottes, sind auch Pfadfinderinnen und Pfadfinder auf dem Weg. Zweifel und Fragen müssen daher ebenso ihren Platz haben, wie gereifte Überzeugungen. Den Leiterinnen und Leitern und uns als Freunde und Förderer kommt dabei eine wesentliche beispielge­bende Funktion zu. Wir brauchen Men­schen, die ihre religiösen Überzeugungen leben und damit ein Beispiel für christliche Werthaltungen abgeben. So wie Kinder und Jugendliche das pädagogische System der Altersstufen der Wölfling, Jungpfad­finder, Pfadfinder und Rover durch­laufen, so muss auch die Auseinandersetzung mit Kirche altersspezifisch erfolgen. Der Verband hat deshalb eine Kultur der Ermögli­chung und der Ermutigung auszu­prägen, damit sich Werthaltungen entwickeln und entfalten können. Dann wird aus der appellativ fordernden Feststellung „Wir sind Kir­che“ die komplementäre und selbstgewisse Feststellung „Kirche sind wir“.

 

Freunde und Förderer der DPSG e.V. – Bundesverband

Vorsitzender: Dr. Anton Markmiller, Glockenstraße 6, 14163 Berlin

Geschäftsstelle: Bundesamt Sankt Georg e.V., Martinstraße 2, 41472 Neuss